Unternehmen brauchen einen Purpose

Lesenswert: Die Orbit Organisation von Anne M. Schüller, Alex T. Steffen

Die Orbit-Organisation

Anne Schüller sagt Unternehmen brauchen einen Purpose. Im Kern dreht sich in diesem Werk alles um den Purpose. Unternehmen brauchen einen Purpose, mehr Rollen, statt Funktionen. Was ist ein Purpose? Zu allererst ein aktuelles Modewort. Der Zweck, der Mehrwert, Nutzwert oder Sinn eines Produkts bzw. einer Dienstleistung für einen Kunden. Wenn diese Purpose stark und klar genug ist, sagen die erfolgreichen Autoren und Key-Note-Speaker Anne M. Schüller und Alex Steffen, werden die Kunden ausreichend stark angezogen. Diese – im übertragenen Sinne „magnetische“ – Anziehung führt mittelfristig zum Unternehmenserfolg. Um diesen Nukleus „Purpose“ kreisen dann 2 Orbits. Orbit 1 sind „Mitarbeiter, Partner und Führungskräfte“. Orbit Nummer 2 ist die „Geschäftsführung“.

Auf den ersten 100 Seiten beweisen die Autoren anhand unzähliger Beispiele, warum tradierte Organisationsmodelle nicht nützlich für die Zukunft sind. Diese Beispiele und Geschichten lesen sich genauso, wie die Autoren Vorträge halten: Sehr unterhaltsam. Man hört sich nicht „nein“ sagen. Der Leser kann meist zustimmen und fühlt sich damit wohl.

Das ist meiner Meinung das Beste an diesem Buch:

Man fühlt sich wohl, verstanden, sieht sich zu 100 % involviert und kann zu (fast) allem irgendwie zustimmen. Die Autoren spinnen wunderbar feine Fäden „um den Leser“, der immer tiefer in das Thema hineingezogen wird. Und das Allerbeste: Sie legen den Finger so empfindsam in die Wunde, dass es noch nicht mal weh tut.

Das von den Autoren beschriebene ideale Unternehmen muss adaptiv, antizipativ und agil sein! Genau. So einfach ist das.

Das ganze Buch ist eine umfangreiche Sammlung von Kochrezepten,

mit unglaublich vielen Zutaten aus den verschiedensten Provenienzen bzw. Erfahrungen der Autoren. Ein schönes Potpourri also. Im Kopf – beim Lesen – schmeckt es schon mal sehr lecker. Und das ist die Hauptsache. Der Hunger kommt mit dem Lesen. Die einzige Herausforderung, die der Leser noch vor sich hat: Das Nachkochen. Und das ist vielleicht eine kleine Schwäche des Buchs. Die einzelnen Rezepte sind in keiner Reihenfolge oder Priorisierung. Das muss der Leser selbst zusammenbasteln. Er muss darauf hoffen, dass er die richtige Menge von „dem“ oder „jenem“ mit einer Prise „dies“ verbindet, ohne dass die Suppe versalzen schmeckt.

Ist alles richtig und belastbar, was die Autoren schreiben?

Vieles ja, wobei das – so glaube ich – ist gar nicht der Anspruch. Das Buch regt zum Nachdenken und Umdenken an. Es motiviert den Leser zum: „Ändere Deinen Weg! Mach was draus!“. Die Autoren geben einfache, verständliche Anleitungen, stellen immer wieder thematisch passende Listen an Fragen zusammen, anhand derer der Leser sich prüfen oder entlanghangeln kann.

Anne Schüller sagt Unternehmen brauchen einen Purpose. Es wird auch vieles Bekannte in etwas anderer Form – eben „rund um den Purpose“ – erwähnt bzw. zusammengefasst: Z. B. Mehr in Rollen und weniger in Funktionen zu handeln. Oder: Führungskräfte entscheiden nur noch bedingt selbst, sondern geben das Ziel und den Rahmen vor, bauen Brücken.

Ob es z. B. einen Chief Culture Manager oder Chief Agility Manager geben muss, neben dem CDO, CCO, CXO …, das muss jeder selbst entscheiden. Deshalb sind – wie die Autoren immer wieder betonen – Rollen wichtiger als Funktionen.

Es braucht im Unternehmen verteilte Kompetenzen, es benötigt mehr Intrapreneure (auch das hatten wir schon mal vor 10 Jahren). Objectives and Key Results (OKR) statt Management by Objectives (MbO) ist grundsätzlich ein guter Vorschlag.

Um flexibel zu bleiben, braucht ein Unternehmen mehr Partner. Diese sollen fehlende Kompetenzen und Kapazitätsschwankungen ausgleichen: Aus „Make or Buy“ wird „Make, Buy or Collaborate“. Sie fordern auf, mehr zu testen, zu teilen, und damit zu lernen. Das Testen unterstütze ich zu 100%!

Sehr gut gefiel mir das Kapitel der Brückenbauer.

Das ist eine der Nahtstellen oder Klebepunkte für eine funktionierende, flexible Organisation. Wer dadurch die Silo-Kultur überwindet, der wird deutlich mehr Erfolg erzielen und eine bessere Unternehmenskultur schaffen.

Fazit: Die Stärke des Buchs ist,

dass es viele Beispiele gibt, warum was nicht funktioniert. Die Autoren stellen viele wichtige Fragen. Es gibt umfangreiche Handlungsanleitungen. Manchmal wünschte ich sie mir etwas konkreter. Das Buch lebt von vielen Beispielen und Thesen, die zum Sagen „Ja, stimmt“ bzw. „Das geht mir auch so“ oder „Kenne ich“ anregen. Das schafft ein gutes Leser-Involvement. Der Anstoß zum Umdenken ist mit diesem Buch gemacht. Nicht umsonst ist das Buch Finalist beim International Book Award 2019 gewesen.

Bei der Fülle an Thesen und Argumenten habe ich eines nicht gefunden: Die klare Aussage „Eine funktional aufgestellte Organisation mit hierarchischem Führungsstil ist keine Grundlage für kundenorientiertes Denken und Handeln.“ Ohne diesen – meiner Meinung nach – notwendigen Change kreiert ein Unternehmen keinen gewinnbringenden Purpose und ist somit für die kommenden, sich immer schneller entwickelnden Veränderungen schlecht aufgestellt.

Bei der Umsetzung in die Praxis werden die Leser auf viele weitere Hindernisse stoßen. Insofern ist dieses Buch für uns eine perfekte Steilvorlage zum „Brücken bauen“. D. h. genau an der Stelle weiterzumachen, wo die Autoren aufgehört haben: Bei der Umsetzung.

Bildquelle: Webseite von Anne M. Schüller

 

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